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DIE LÜGE

Eine wahre Geschichte

(Zum 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz)


Es war Mittag geworden; die erste Woche des neuen Semesters hatte ich glücklich hinter mich gebracht, und ich freute mich schon darauf, das Wochenende zu Hause mit einem gemütlichen Essen zu zweit einzuleiten und mir wenigstens den Hauch der Urlaubsstimmung zurückzuholen, die ich in den vergangenen Wochen genossen hatte. Ich stieg in den Bus, zwängte mich durch eine Horde von übergewichtigen Schulkindern, denen ein bisschen Bewegung sicherlich nicht geschadet hätte und die ihre Schultaschen und Rucksäcke so über den Boden verstreut hatten, dass man kaum wusste, wohin man seinen Fuß setzen sollte. Nach einer Weile schaffte ich es sogar, einen Sitzplatz zu ergattern, lehnte mich zurück und wollte gerade meine Zeitung aufschlagen, als mir eine Frau auffiel, die an dieser Haltestelle zugestiegen war. Sie mochte wohl schon weit über sechzig sein, ihre grauen Haare waren länger als bei den meisten Frauen ihres Alters und standen strähnig und ungepflegt von ihrem Kopf ab. Stechende, unruhige Augen flackerten hinter ihrer altmodischen Hornbrille, und ihre dünnen, fest zusammengekniffenen Lippen machten ihr mageres Gesicht nicht gerade sympathischer. Auch ihre alte, abgetragene Kleidung schien nicht recht zu passen und wirkte wie zufällig zusammengekramt.

Alles in allem machte sie, obwohl sie noch recht rüstig wirkte, einen eher verwahrlosten und heruntergekommenen Eindruck. Daher war ich ziemlich unangenehm berührt, als sie sich genau mir gegenüber setzte, nachdem ihr ein kleines Mädchen Platz gemacht hatte. Kaum hatte sie sich gesetzt, fragte sie den Mann neben sich nach der Uhrzeit (ich selbst hatte mich wohlweislich sofort hinter meiner großformatigen Zeitung verschanzt) und benützte diesen Vorwand (denn um nichts anderes konnte es sich hier handeln), um den jungen Mann, der wahrscheinlich wie ich ein Student war, in ein Gespräch zu verwickeln, das allerdings durch die Einsilbigkeit ihres Nachbarn zum lauten Selbstgespräch geriet. Anfangs hatte ich noch gar nicht richtig zugehört und mich in einen Kommentar zu den geplanten Reformen der Hochschulen vertieft, doch als ihre Stimme immer lauter und zorniger wurde, spitzte ich hinter meiner Zeitung die Ohren, um mir nichts entgehen zu lassen.

Von Lügen, ja unverschämten Lügen sogar war hier die Rede, von Gräuelpropaganda, Volksverdummung und Manipulation, von haltlosen Übertreibungen und Geschichts-Verfälschung. "Wir dürfen uns diese gemeinen Verleumdungen nicht länger gefallen lassen!" schrie sie mit schriller, krächzender Stimme, "man darf diese Märchen nicht glauben, die von den Juden in die Welt gesetzt werden und die ganze Welt gegen uns aufhetzen. Wir müssen uns dagegen wehren, dass sie das deutsche Volk immer nur schlecht machen und in den Dreck zerren, und ich habe Beweise, dass diese ganzen Geschichten über die vielen toten Juden alle nur erstunken und erlogen sind!" Damit zog sie aus einem der Plastikbeutel, die sie mit sich führte, einen Pack Flugblätter, offensichtlich mit einer Schreibmaschine getippt und photokopiert, hervor, stand auf und begann, die Blätter ringsum zu verteilen. Als sie auch mir (da ich mittlerweile meine Zeitung sinken gelassen hatte) einen Zettel in die Hand drückte, warf ich einen kurzen Blick darauf und erkannte sofort die Parolen aus rechtsradikalen und neofaschistischen Zeitschriften wieder, die mir schon des öfteren unaufgefordert als Postwurfsendungen ins Haus geflattert waren. Die Argumente darin waren einfach zu primitiv und und durchsichtig, um sie ernst zu nehmen, es war jedoch ärgerlich genug, dass solche Machwerke in Österreich überhaupt gedruckt und verbreitet werden konnten.

In meinen Ferien war ich der Einladung eines polnischen Freundes gefolgt und hatte zwei Wochen bei ihm und seiner Familie in der schönen alten Stadt Krakau verbracht. Dabei hatten wir das malerische, aber doch recht düstere alte Judenviertel Kazimierz und – auf meinen Wunsch hin – auch das nicht allzu weit entfernte Konzentrationslager Auschwitz besichtigt.




Wie im Traum war ich durch das große Eingangstor gegangen, auf der die zynischen Worte "Arbeit macht frei" prangten, hatte durch Stacheldrähte zu den Wachtürmen hinaufgespäht, war fassungslos im sogenannten "Todesblock", in der Gaskammer und vor den Verbrennungsöfen gestanden, doch ein Bild wird mich wohl nie mehr loslassen: Ein verglaster Schaukasten etwa in Brusthöhe, dahinter auf der Fläche eines großen Zimmers, soweit das Auge reichte, dicht nebeneinander liegend, Tausende und Abertausende von Brillen, Gebissen, Prothesen, Zahnbürsten und Blechgeschirren.

So schockierend die große Zahl der in diesem und anderen Lagern Ermordeten auch sein mag, so überwältigend die riesigen, aber doch nackten Zahlen der Holocaust-Statistiken auch sein mögen, nichts konnte für mich erschreckender und bedrückender sein als diese scheinbar harmlosen Gegenstände, die jedoch in ihrer Anhäufung und vor allem in ihrer konkreten und beinahe greifbaren Körperlichkeit in mir ein unbeschreibliches Grauen auslösten, das mir eiskalt nicht nur über den Rücken, sondern durch den ganzen Körper schlich, als mir klar geworden war, dass jeder einzelne dieser armseligen, schäbigen Gegenstände einem Menschen aus Fleisch und Blut gehört haben musste und dass von diesem Menschen nichts anderes übriggeblieben war als das. Es war das Entsetzen über das fleischgewordene Böse, die Trauer über unwiederbringlich Verlorenes gewesen, was mich bewegte, nicht ein Gefühl der Schuld oder schlechtes Gewissen, doch plötzlich erinnerte ich mich an eine Bemerkung, die ich als Zehnjähriger gemacht hatte, völlig naiv und unbedacht, und für die ich mich nun dennoch schämte, nach so vielen Jahren.

Eines Tages, als es während der Pause in unserer Klasse besonders laut war, so dass man kaum sein eigenes Wort verstehen konnte, hatte ich zu zweien meiner Mitschüler gesagt, "Hier geht es ja zu wie in einer Judenschule", eine Äußerung, die ich des öfteren von meinen Eltern gehört und ohne mir etwas dabei zu denken nachgeplappert hatte. Erst als der eine meiner Gesprächspartner auf einmal kreidebleich wurde, mich böse anschaute und anzischte, "Was hast du da gesagt?" erkannte ich, dass ich einen großen Fehler gemacht haben musste. Ich erinnerte mich nun auch daran, dass mein Vater, als ich den Namen meines Klassenkollegen, Kohn, einmal erwähnte, darauf sofort gemeint hatte, "Der muss ein Jud´ sein!"

Nun, da ich dieses Blatt Papier in Händen hielt, stieg mit einem Mal die Erinnerung an diesen beklemmenden Augenblick in mir hoch. Mit einem Ruck stand ich auf und zerriss den Zettel in kleine Schnitzel, die ich auf den Boden fallen ließ.

"Wenn hier jemand lügt, dann sind Sie es!" sagte ich ihr laut und deutlich mitten ins Gesicht, dass man es sicherlich im ganzen Wagen hören konnte. "Noch vor drei Wochen war ich selbst in Auschwitz und habe mit meinen eigenen Augen alles gesehen. Die Tatsachen sprechen eindeutig für sich. Man muss schon sehr dumm oder sehr unverschämt sein, wenn solche Tatsachen leugnet."

Ich wollte ihr auch noch die restlichen Blätter entreißen, als mir jemand in den Arm fiel und mich anschrie: "So ein Rotzbub, so ein frecher! Wirst die Frau in Ruh´ lassen, oder meiner Seel..." Der Mann musste schon weit über 70 sein, wirkte aber noch recht rüstig. Ich drehte mich zu ihm um und sagte, "Sie wissen wohl nicht, dass die Verbreitung solcher Behauptungen als Wiederbetätigung gilt und strafbar ist, oder haben Sie sich damals vielleicht sogar selbst an der Judenverfolgung beteiligt?"

Der Mann lief vor Wut rot an und brüllte, "Ihr jungen Deppen habt´s ja keine Ahnung, wie das damals war ... Ich hab´ die Ehre vom Vaterland verteidigt mit mein´ Leben, mir kann keiner was vorwerfen!"

"Sie hätten lieber an Ihre eigene Ehre denken sollen! Wer ein sogenanntes Vaterland wie das 3. Reich verteidigt, ist ehrlos! Dass Ihr alten Scheiß-Nazis noch immer nicht ausgestorben seid!" schrie ich zurück.

Immer mehr Personen mischten sich ein, ergriffen Partei, teils für, teils gegen mich, und die Debatte wurde immer hitziger. Mittlerweile war der Bus endlich an meiner Haltestelle angekommen. Mit Mühe bahnte ich mir einen Weg zum Ausgang, stieg aus und ließ die aufgewühlte, schreiende Menge hinter mir. Ich atmete auf, als sich die Tür hinter mir schloß. Der Appetit auf das Mittagessen war mir nun allerdings vergangen.


YOUTUBE: ZEHN BRIDER







   


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